Lernstile
Kurz erklärt
Lernstile bezeichnen die verbreitete Annahme, Menschen lernten besser, wenn Stoff im bevorzugten Sinneskanal (etwa visuell oder auditiv) präsentiert wird. Diese Meshing-Hypothese ist wissenschaftlich nicht belegt.
Was sind Lernstile?
Der Begriff Lernstile (englisch: learning styles) beschreibt die populäre Idee, dass jeder Mensch einen bevorzugten Kanal hat, über den er am besten lernt – häufig eingeteilt in visuelle, auditive, lese-/schreiborientierte und kinästhetische Typen (das sogenannte VARK-Modell). Die Annahme dahinter lautet: Wer Stoff im passenden Stil dargeboten bekommt, lerne effektiver.
Sind Lernstile wissenschaftlich belegt?
Nein. Der aktuelle Forschungsstand widerlegt die entscheidende Behauptung – die sogenannte Meshing-Hypothese, wonach der Unterrichtsstil zum Lerntyp passen müsse. In ihrer viel zitierten Übersicht kamen Harold Pashler, Mark McDaniel, Doug Rohrer und Robert Bjork (2009) zu dem Schluss, dass es keine ausreichende Evidenzbasis gibt, um Lernstil-Tests in die Bildungspraxis zu übernehmen. Die wenigen methodisch sauberen Studien, die den nötigen Kreuzvergleich durchführten, fanden Ergebnisse, die der Meshing-Hypothese sogar widersprechen. Wichtig: Dass Menschen Präferenzen haben, ist unbestritten – belegt ist nur nicht, dass ein Anpassen des Formats an diese Präferenz den Lernerfolg steigert.
Warum hält sich der Mythos so hartnäckig?
Lernstile klingen intuitiv, individuell schmeichelhaft und leicht anwendbar. Umfragen zeigen, dass ein sehr großer Teil der Lehrenden weiterhin daran glaubt. Das Konzept überlebt, weil Präferenz mit Wirksamkeit verwechselt wird und weil eine erlebte Passung sich subjektiv gut anfühlt, ohne objektiv besseres Behalten zu erzeugen.
Was funktioniert stattdessen?
Statt Inhalte an vermeintliche Sinnestypen anzupassen, lohnt es sich, Formate am Stoff auszurichten: Geografie versteht man visuell über Karten, Aussprache auditiv. Nachweislich wirksam sind stoffunabhängige Prinzipien wie Active Recall, Spaced Repetition, Dual Coding (das Kombinieren von Wort und Bild für alle Lernenden) und das Erklären in eigenen Worten. Diese Strategien helfen unabhängig von jedem behaupteten Lernstil.
Woher stammt die Idee der Lernstile?
Seit den 1970er-Jahren entstanden dutzende Lernstil-Modelle; eine viel zitierte Übersicht zählte mehr als 70 verschiedene Einteilungen. Neben VARK wurden vor allem das Modell von David Kolb sowie die verbreitete Dreiteilung in visuelle, auditive und haptische Typen bekannt. Ihre Popularität verdanken sie eingängigen Fragebögen und dem Versprechen, Unterricht individuell zuschneiden zu können. Der wissenschaftliche Beleg für einen tatsächlichen Nutzen dieser Zuschneidung blieb jedoch bis heute aus – die Modelle beschreiben bestenfalls Vorlieben, keine unterschiedlichen Lernmechanismen.
Quellen
- Learning Styles: Concepts and Evidence — Psychological Science in the Public Interest (Pashler, McDaniel, Rohrer & Bjork, 2009)
- Learning Styles: Concepts and Evidence (PDF) — UCLA Bjork Learning and Forgetting Lab